Mittwoch, 18. November 2009

kap. 3, erster versuch.

Die Nacht drückt einen schwer in fremde Kissen.

Coco betrat am nächsten Morgen den Laden des Zürcher Optikers Carl Meranger. Dafür bestanden gute Gründe. Saraswati, erkannte er in einem halben Gedanken daran den goldbronzenen Gottesleib, der da dekorativ im edlen Halbdunkel der hinteren Geschäftsräume herumstand. Die Hüterin der Sprache, die es Coco noch verschlagen hatte.

Meranger, der sich allmorgendlich in den Rasierspiegel sprach, einen Namen unter Züris besten Brillenmachern zu besitzen, hatte gegrüßt, in kühler Bereitschaft zur Dienstleistung. Schnauzbartrunzelnd besah er sich das katzenhafte Misstrauen, mit dem sich die neue Kundschaft auf seinen heiligen Quadratmetern hin- und herbewegte. Neumodisch halbverhungertes Kerlchen in guter Garderobe – aus guter Familie; Meranger taxierte klug, mit geübtem Blick.

Coco empfand sich selbst seltsam ballastlos und unkörperlich inmitten von mahagonifarbenem Dämmer, poliertem Metall und dem allseitigen mattem Wiederspiegel der Glasflächen. Die Auslagen – neueste eyewear aller Label – schienen düsterglänzend aufmerksam wie die Edelsteinaugen toter Pharaonen. Sie waren von einer toten Wachsamkeit, überlegte Coco.

Saraswati…Hindugöttin auf dem reinen Schwan, Mutter des Gedankenstroms…und ihre Pharaonensöhne…verdorrte Augäpfel, die halbgöttlichen Netzhäute destilliert zu…

„…Sie wissen bereits, was sie suchen?“ Meranger setzte den vagen Blicken ein Ende, sanftmütig, wie es seine Art war. – „Diese. Oben da.“ Es bestand kein Beratungsbedarf. Diese, oben da – Chanel, dunkles Glas, fünfhundertachtundzwanzig Franken, das kalt verschlungene Doppel-C an den Scharnieren, überbreite Bügel in feinstem schwarzen Lack. Nach ihr gab es keine Fragen zu stellen. Meranger hatte sie noch am Morgen der Anlieferung die „Königin der Nacht“ getauft. Sein ab und an operettenhaftes Berufspathos leitete er selbst gewöhnlich aus einem problematischen österreichischen Erbteil ab, das ihm mütterlicherseits zugekommen war.
Unter den ureidgenössischen Zürcher Optikern mit ihren Mineralwassergesichtern machte ihn dieses barock-„kakanische“ Erbe bisweilen zum Exoten. Allein der Standort seines Geschäfts am Zürcher Mythenquai mutete seine Zunftgenossen bisweilen gar zu apart und überspannt-spielerisch an. Mythenquai – das klang nach Anbetung von Heidengöttern, nicht Anpassung von Kassengestellen. Meranger hatte nur bedingt etwas gegen derlei Vorbehalte; und dem Umgang mit Kassengestellen hätte er sich ohnehin kategorisch verweigert.

„Sie sind sicher?“ – Aber Coco wünschte nur Saraswati zur Zeugin seines Kaufes. Er nickte nur, knapp. Es war nicht seine Art – wie er mit trotziger Grandezza ein üppiges Bündel Frankenscheine aus der Jeanstasche rupfte. Nur hatte er die Nerven nicht, zu überlegen, was denn „seine Art“ gewesen wäre. Gab es Arten, diese Sonnenbrille zu kaufen? Meranger zählte Banknoten ab, ein leichtes Kräuseln unter den Brauen. Coco tauschte Blicke mit Saraswati; jeder ihrer vier Arme, schien es ihm, hielt eine eigene bronzene Verzweiflung. Je eine seiner eigenen schillernden Verzweiflungen.

Wenn er die Augen schloss, während Meranger Scheine zählte, zogen zwei düstere Dioskuren auf Streitwagen ihre Runden durch das nächtliche All hinter seinen Netzhäuten. Zwei Brüdergeliebte, Castor und Pollux. Das geschah so seit Jahren, er hatte es nie ganz verstanden; Castor und Pollux schienen ihm implantierte Spukgespenster zu sein. Verirrte aus dem Schattenreich eines fremden Hirns. Es war so, als sähe man einen Trailer zum Alptraum oder Tagtraum eines anderen.

Er wanderte den Quai hinab. Meranger blieb zurück zwischen seinen Brillen, reicher und ärmer, ein alternder Pan. Mythenquai, und die dicken Schwäne, die nah ans Ufer schwimmen. Das Ufer ist sorgfältig in Beton gegossen und flankiert von drahtigen Betonsitzbänken, und man vergisst fast ganz, dass das die Nazis nicht gebaut haben können.
Coco setzte sich, der Beton so sauber, und nahm die Brille aus ihrem Etui. Sie saß auf seiner Nase als ein Schatten, und die dicken Schwäne, die auf Sonntagsbrot warteten, schienen weit entfernt und ihr Gefieder jetzt in grauem Flor. Es ist ein Montagmorgen und eine Stille. Die Schwäne rauschten, zogen bedeutsame Schlieren im klaren Seewasser, Coco war entfernt von ihnen.

Nicht weit von ihnen am Quai lag die Landiwiese, die im Herbst zu einem unwirtlichen Schwemmland wurde; zwischen flachen Regentümpeln und fadem Gebüsch schlichen dann Gnome mit Rechentafeln und Füchse mit müden Augen umher. Ab Mitte November verließen die Menschen die Landiwiese, ihr Gras war dann nass und schwer und braun, und dann ging das Schleichen los, Gnome, Füchse und zierliche Geburtshelferkröten, die gemeinsam das Singen wie Sirenen übten. Der Himmel hing dann tief und schwer über dem Schwemmland.

Wenn Juli war, und das war es ja, war dagegen alles offen, grün, warm und saftig auf der Landi, es ließ sich arglos grillen, es gab Skateboarder und Pantomimen, Bier mit farbiger Brause drin, das am Gaumen klebt und Leben meint. Coco bedauerte, dass es nicht hätte November sein können. Er traute sich nicht, zum Schwemmland rüber zuschauen, denn es war gar keins.

Er hatte einen Umweg auf dem Weg zurück zur Jugendherberge. Irgendwo, dämmernd in der Tram, hatte er vergessen, dass er einen Grund gebraucht hatte, aber dann stand er schon in Kilchberg bei Zürich, wo die Weinberge vornehm schauten und das Weideland trocken in der späten Sonne lag. Weideland Faserland, brüchiger alter Boden. Er drückte das Tor zum Kilchberger Friedhof auf und vermisste im selben Moment jenes marode Seufzen, das an sich doch Friedhofstore beim Aufdrücken von sich gaben.

Er hatte zuerst Canetti und James Joyce gefunden, die er nicht hatte suchen wollen; er sammelte Klatschmohn für die toten Schreiber, bevor er seiner Wege ging. Es schien gar nicht staubig zu sein zwischen dem Kies. Reinlicher Schweizerkies auf einem Friedhofspfad, und Coco trägt die Brille, den Schatten um die Nase immer noch, obwohl die Schatten tiefer werden. Der Kiesweg führt in die Schatten, die doch von ganz ordentlich angelegten Schweizergrabsteinen stammen, und Coco denkt daran, dass die Ruhefrist für die Jahrgänge 1983/1984 abgelaufen ist für Erdbestattungen in Feld 25 oder 26, das hatte auf der Internetseite der Kilchberger Gemeinde ganz oben gestanden. Coco hatte es ohne besonderen Grund oder ein Interesse gelesen, es fiel ihm ein, und nun gab es also die „Abräumung von Gräbern“ auf Feld 25, oder eben 26, in diesem Sommer. Es kam ihm merkwürdig vor, fürchterlich kurz irgendwie, diese fünfundzwanzig Totenruhejahre. Die Achtziger waren grad lang genug her für ihr eigenes Revival, und nun gab es schon auf Feld 25 in Kilchberg bald keine Achtzigerjahregräber mehr. Oder eben auf Feld 26.

Der entstaubte weiße Kies knirschte, wie Kies zu knirschen hat, und Coco dachte an den Gelben Ziegelsteinweg in Alice im Wunderland --- nein: im Zauberer von Oz.

Rechts am Wegrand saß ein dickes Kaninchen zwischen den Grableuchten. Coco wusste, dass es milchweiß war, auch wenn es die Chanel-Gläser tönten. Es sprach unablässig leise vor sich hin, was Coco nicht übermäßig verwunderlich schien. Allerdings wiederholte das Kaninchen statt einem nervösen ICH HABE KEINE ZEIT!, mit dem zu rechnen gewesen wäre, ein träges Mantra, die Worte kauend gereiht: Ich seh viel mehr / Mach ich die Augen zu. Coco stand still. Als er schließlich über den scheuernden Kies einen Schritt nach rechts machte, drückte sich das plumpe Tierchen noch tiefer ins Dunkel, hinter den Rotschein der Grablichter.
Coco machte noch einen Schritt, da lief es fauchend blau an und war verschwunden und nie dagewesen.
Links und rechts vom Weg kreuzten sich jetzt Fichtenzweige, anmutig rustikal in der Dämmerung, und einiges später würde Coco aufgehen, dass die Bäume auf dem Kilchberger Friedhof längst nicht so waldesdicht standen, wie er es zu erinnern glaubte.
Noch später würde er plötzlich die innere Sicherheit verlieren, tatsächlich Mohn gepflückt und Joyce und Canetti gefunden zu haben; er würde einen tauben Punkt unter der Schädeldecke spüren, während www.findagrave.com ihm anzeigen würde, dass beide nebeneinander auf dem Friedhof Fluntern in Zürich bestattet seien.

Am Grab der Manns in Kilchberg, wo er an die Worte von Süchten, Selbstmorden, Leidenschaften dachte, die diese Familie stoisch verbissen über ihre vielen Jahrzehnte geformt und aufgeschrieben hatte, begriff er, warum er kein Wort zu Sera wusste. Cocos Blick dümpelte an dem schmucklosen Granitquader, der die Grabstelle markierte und für alle Zeit die Namen der Manns sprach, in einem stummen Mantra, dem blauen Kaninchen nicht unähnlich. Für die Manns galt auch keine „Ruhefrist“, die in „Abräumung des Grabes“ endete. Sie waren also, dachte sich Coco: nicht unsterblich geworden, sondern ewigsterblich. Dem bisschen Molekülepulver, das nach 54 Jahren unter Erde, Moos und Granit höchstens noch übrigsein konnte von Thomas Mann, kam für immer eine besondere Aufmerksamkeit zu.

Coco dachte an die Wörterwelten der Manns und schaute auf die filzige Erde rundum den Grabpfeiler und wusste nur ein Wort, das keine Wortsgeschwister mehr besaß, ein Waisenwort: Sera, Serafina. SeraFINA. Sera. SERAfina.
Sera war von seinen Worten verlassen worden. Ihr Bild stand einsam in seinem Kopf – sie trug so eine Art viktorianisches Nachthemd, das war seine lächerliche, aber spontane Phantasie – und Kilchberg um ihn herum zerstob wie zuvor das fette Kaninchen; wenn er die Augen schloss, sah er Sera, leuchtend milchfarben im Gesicht. Die Dioskuren, diese fremden Geister, rückten für diesen Moment hinter seine Augen zurück, wurden ganz unmerklich. Aber sie blieben.

Das Öffnen der Augen kam Coco vor wie ein kläglich simpler, aber letztlich gelingender Befreiungsschlag. Die Rebellion der Lider und Wimpern, ein Bildersturm! Er blickte geradeaus, starr auf den Granit, auf die Gravur, und wollte das Ganzwirkliche sehen – nicht und nichts mehr als das, Stein und Namen.

Und dann hielt Saraswati ihre zwei Paar Arme bronzeglänzend übers bürgerliche Grab des Dr. Thomas Mann. Coco schüttelte sich, bis ihm schlecht wurde, und rannte den Hügel hinab, Haken schlagend, bis ans Ufer des Zürichsees. Er schüttelte sich noch immer, keuchend um Atemluft, und sträubte sich in seiner Haut, spreizte sich wie von innen gegen die eigene Epidermis. Er schüttelte sich, bis er vor Übelkeit keine Worte mehr wissen wollte, und schaute auf den gleichmütigen dunklen See.

Kennst du das, hatte Sera ihn damals gefragt, im Winter? Wenn du morgens aus dem Fenster siehst, und alles ist bis in seine Spitzen ausgefroren und mit verhuschtem Raureif voll, und du kannst durch den weißen Nebel nicht auf die andere Straßenseite schauen? Und dann spürst du, dass du innen auch ganz kalt geworden bist, du tastest ängstlich nach innen,und alles ist klamm und im Frost zusammengezogen? Und die Haut bleibt kühl unter einer heißen Dusche?

Da war es schon passiert gewesen. Er hatte aber nicht nicht mit ihr reden können.

Nein, hatte Coco gesagt, ich kenne das nicht. Wir haben hier ja Zentralheizung.

Serafina. Natürlich war sie zugedröhnt gewesen. Stoned in Salem. Klang nach schlechtem Spiegel Online, entsprach allerdings der Wirklichkeit.

Sera. Das Wort füllte sich mit Zeit, bis obenhin, bis randvoll, bis es überlief. Es füllte sich mit Zeit und mit dem Staub, der zwischen dem Kies auf dem Kilchberger Friedhof fehlte.
Später erinnerte er sich kaum noch daran, wie er zurück in die Stadt gekommen war. Es war beinahe Nacht gewesen.

Im Foyer der Zürcher Jugendherberge standen die Kunstledersessel dröge dämmernd auf ihren Rohrgestellen herum; es gab eine Bar und daran ein paar Friedhofsraben; ältere, männliche Herbergsgäste vor ihren Whiskeygläsern, mit den salzigen Fingern in den Erdnüssen. Statisten fürs Festival der lebenden Bilder? Ich würde nämlich sagen – Edward Hopper: Nighthawks. Grobe Umrisse, Farbspuren des berühmten Gemäldes streunten in Cocos Kopf, als er den Aufzug nahm. Ein Einzelzimmer hatte er nicht mehr bekommen, der Juli war Hochsaison. Ihm war herzlich unwohl bei dem Gedanken an ein fad gedünstetes Miteinander mit drei fremden Zimmergenossen.

Das Zimmer war leer, eine Kiefernholzeinöde.

Er duschte sehr hastig, was an sich keinen Sinn machte; dann trug er gestaltlos feuchte Tapsen übers graue Linoleum, durch den Flur zurück ins Zimmer. Der Spiegel über dem Waschbecken, ein rechteckiges ränderloses Stück graustichiges Glas, – ein NichtmalmehrIKEAspiegel – gab einfallslos wieder: das Schlüsselbein, die Hüftknochen; Rippen, die seitlich scharf gezeichnet aus dem Fleisch tauchen, wenn er die Bauchdecke einzog. Fahrig glitten seine Finger über Hüften und Bauch; eine Suche nach Ablagerungen, nach dem verräterisch Weichen.

Die kühlen Linien der Wangenknochen; in einem Hesse-Roman hätte er überzeugend einen adlig geborenen Kindermönch abgegeben. Einen Novizen. Er dachte ans Kotzen und reimte um: Narziß und Goldschlund.

1 Kommentar: