1
In einem Jahr, das bereits keine Rolle mehr spielt, erwarb ein Junge eine Sonnenbrille großen Formats, die gefährlich war und von Chanel. Wir haben diesen Jungen folglich Coco genannt.
Zürich sollte ihm das Herz schälen wie eine fleischerne Zwiebel. Das war die Idee; man musste sehen, was übrigblieb nach einer Häutung.
Zürich war kein unbeschriebenes Blatt, es war üppig bemalt mit allen Wasserfarben aus einem folkloristischen Tuschkasten: derbes, festes Blau, sachliches Anthrazit, gemächlich-dezenter Ocker. Erinnerungen daran waren mühelos; er hatte das zuletzt noch im ICE ab Altona feststellen können, während er – gleichsam mühelos – das überzählige Butterhörnchen eines späten Frühstücks erbrach. Eine frische Bleiche stahl sich ihm unter die Augen, als er, wie er es immer tat, danach sein träges Spiegelbild studierte. Der ICE passierte Fulda.
Er fuhr, pünktlich, 21.07 im Zürcher HB ein – eine monumentale, granitene Riesenkröte von einem Bahnhof, die einen Jungen von schwermütiger Zierlichkeit Minuten später bereits wieder ausspie. Coco suchte sicheren Tritt auf dem Zürcher Pflaster und sah noch einmal zurück: Bahnhof und Coco, Coco und Bahnhof, sie tauschen letzte, feindselige Blicke. Dann blieben sie beide in ihren vergeblichen Empörungen allein zurück. Coco zerrte seinen Rollkoffer in die hinterste Zimmerecke, er hatte die Jugendherberge natürlich nicht suchen müssen, und machte sich, voll gekonnt auf die Bühne gebrachter Rastlosigkeit, auf ins Niederdorf.
Coco versucht sich als Schlenderer – er mimt einen Schlendernden; berauscht von der eigenen kühlen Nüchternheit im sphärischen Meer der Freitagabendfreuer; im Niederdorf der bunten Lichter, wo sich lebhaft Bar an Bar reiht.
Er hatte eine recht seltene Vollkommenheit erreicht in der Kunst des Nichtbeteiligtseins: Muntere, hübsche Lederjackenjungmänner und ihre lieblich geschwätzigen Mädchen-in-gepunkteten-Ballerinas; ihre leichtlebig bunten Cocktails und ihre Caprese-Salate. Sie konnten ihm keine Beachtung schenken, er hätte auch nichts geschenkt gewollt, es war ein erlesener kleiner Schmerz und ein trotziger. Es war niemandes Schuld, vielleicht sogar gewollt, ein bisschen: Der mondäne kleine Coco und all diese mondänen jungen Zürcher, sie waren wie parallele Geraden in der Mathematik – beinahe gleichartig und doch auf ewig berührungsfrei. Ewig und drei Tage. Das war sicherlich das Einzige gewesen, das Coco im breiig dumpfen Dämmer von 13 Jahren Schulmathe je gerührt, sogar bestürzt hatte: Das Bild zweier rechtschaffener, ganz sehnsuchtsschwacher Geraden, die in ewig exakten Abständen zueinander für alle Zeit ein sternzeitschwarzes Algebra-All durchziehen müssen. Geraden sind unendlich. Parallele Geraden berühren sich nie. Zwei schlichte Merksätze des Studienrats E., die Coco wie finstere Urteile in letzter Instanz vorgekommen waren, ganz angefüllt mit einer rätselhaft tieftragischen Dimension. Schon zu Schulzeiten hatte es nicht viel gebraucht, täglich eine neue Untergangsstimmung zu basteln.
Ganz Zürich und das Niederdorf waren voll ausgezeichneter Cafés, preisgekrönter, hochgelobter Cafés mit lauter unverwechselbaren Namen, Spezialitäten, Sitzmöbeln; der Pappbecher in Cocos Rechter trug Logo und Schriftzug von Starbucks. Der sachte Dampf, der fahl diesem Becher entstieg und sich einvernehmlich mit Septembernacht mischte, stammte von einem gänzlich austauschbaren, massenhaft hergestellten, industriell entwickelten Heißgetränk.
Das tat ihm seltsam gut.
Es kam darauf an, hatte Franz Werfel gemeint, das innere Kaffeehaus zu finden. Coco nickte schmucklos.
2
Feitagabends gegen 21.15 – es ist besagter, selbiger Freitag – ortet Frieder Lichtenberg in Konstanz-Petershausen, nicht unweit der Schweizer Grenze, gänzlich unerwartet eine der letzten wahren Empfindungen Europas.
Besagte Empfindung ließe sich als „berechtigter Zweifel" etikettieren, überlegte sich Frieder, während Benedicts Po – klare, scharf gezogene Konturen – in sehr lässigen Replay-Jeans verschwand; ein altbekannter Budenzauber. Frieders geradezu freizeitfaschistische Disziplin in Sachen Sex hatte es einstweilen dazu gebracht, beinahe schon „berüchtigt" zu sein. Berüchtigt! Kein allzu großes Kunststück im spießigsten Südbaden. Konstanz, eine stadtgewordene pastellfarbene Blümchentapete. Rentner Bordsteinkante Seepromenade Rentner Kännchen Kaffee Rentner Rentner Kneippkur. Rentner. Und dreieinhalb Verwaltungsstudenten. Deshalb war hier „berüchtigt" sein noch drin, noch machbar überhaupt für Leute, die auch noch was anderes zu tun hatten. Lag ihm irgendwas an „berüchtigt"? Es war keine Leistung. Das bisschen schon schaler Wodka, der da noch um zwei schwindsüchtige Zitronenscheiben im Whiskeyglas auf dem Linoleum-Parkett schwappte, wäre der Genickschuss für die aufgeräumte Kühle, mit der Frieder Benedict zu verabschieden gedenkt: Er stößt das Glas mit einer Zehe um; nach kurzer Bahn (quecksilberartig) säuft der IKEA-Webteppich diese letzten Reste Freitagabendexzess. Nordischer Trunkenbold. Es herrscht hier eine gewisse Mäßigung, formen Frieders Lippen halbstumm, überzeugt. Was? fragt Benedict fahrig. Nichts, versetzt Frieder.
Zu einer Zeit, als es in Frieders Kopf noch keine Worte gab für Dinge wie diesen Freitagabend, da steckte das Verstehenlernen in den kleinsten Gesten. Er schlief, sehr jung, mit einem schon auch noch jungen Kinderarzt, der ihm am nächsten Morgen ein großerbrüderliches Lächeln und eine Schale Schokopops ans Bett brachte. Das fand Frieder menschlich; es nahm ihm eine Angst (von einigen dutzend, netto) und währte als Erinnerung weit länger als der dazugehörige Sex.
Als Benedict gegangen ist, widmet sich Frieder seinem „berechtigten Zweifel", den er sorgsam vor Benedict verborgen hatte, weggeschlossen in ein bestimmtes innerseelisches Archiv für außergewöhnliche Vorgänge; das ging Benedict nichts an. Vielleicht war ein Reizimpuls ausgegangen von ihm und seiner Replayhosenhinternherrlichkeit; aber überschätzen würde Frieder das sicherlich nicht. Als er nun den „berechtigten Zweifel", jene kostbare wahre Empfindung, aus dem Archiv an die Oberfläche, Richtung Stammhirn, bewegen wollte, da war er nicht mehr da.
Innere Abschürfungen, skandiert Frieder stumm, Innere Abschürfungen. Woher kommt das Wort? Ihm ist nach weltschmerzlerischer 80er-Jahre-Post-Punk-Musik, nach weinerlichen Synthie-und-Echo-Effekten, und Gottseidank gab es auf Erden ja Sofia Coppola, die für die Soundtracks ihrer Filme geschmackvolle Vorauswahlen trifft. Andernfalls müsste man sich allen Ernstes durch stapelweise Studioalben von Bands quälen, die 2009 noch nicht mal mehr von Revival-Coverbands in Einkaufscentern im Wachkoma vagen Erinnertwerdens gehalten wurden. Für ein einziges spontanes Stimmungsbild. Frieder – Innere Abschürfungen, Innere Abschürfungen – legt den Soundtrack zu Marie Antoinette ein, legt sich behutsam aufs Bett. Wie Silbergeschirr aufs Samttableau. Ein Wellengang sachter elektronischer Impulse vernebelt sein Zimmer, Ceremony, New Order. Als er aufwacht, durchsticht ein übermütiges Morgensonnenlicht das träge zerfasernde Fruchtfleisch zweier einsamer Zitronenscheiben auf dem Fußboden.
Morgens? Silberschwund, Silbenschwund. Mit einem trägen Wischer schluckt ein feuchtes Küchenkrepp das eingetrocknete Perlmutt von Frieders linkem Oberschenkel (ein trauriger Rest Benedict…ein organisches Andenken…); Frieders stolprige Gedanken betreiben Namenskannibalismus: Aus Benedict wird B. im Tagebuch, -- wäre dann ein dritter B., was nichts macht, kann man rein vom Zeitkontext her auseinanderhalten. Kann ich zumindest. Wenn dann halt meine Tagebücher mal posthum veröffentlicht, -- und so, muss man da halt Editoren für anstellen, die recherchieren und schreiben dann in die Fußnoten, mit wem ich wo und warum im März ’09 dasunddas…Frieders pseudofrivole Sexgeschichten, employing germanists in 2044. Thank you very much. Er mag nichts frühstücken. Es gibt keinen echten Morgen in ihm, bloß die grelle, stille Aftershow zur letzten Nacht.
Das hatte er natürlich bloß kokett gemeint. Mit den Editoren und den Tagebüchern. Salbige Dorian-Gray-Gefühle aus dem Provinzstudentenleben in zweifelhafte Selbstbesinnungsliteratur zu verwandeln, es wäre Frieder nur peinlich gewesen; von dem gelegentlichen Drang dazu hatte er sich das eine oder andere Mal, an metertiefen Sonntagnachmittagen, vielleicht nicht ganz im Handumdrehen frei machen können. Das hieß aber wenig. Und so würde eben gerade nicht eines Tages die historisch-kritische Ausgabe von Frieder Lichtenbergs Werken erscheinen und er eben nicht posthum mit der übergeistesväterlichen Würde riesiger Pappaufsteller mit seinem ernsten, alternden Foto-Konterfei in schwarzweiß oder sepia auf der Frankfurter Buchmesse geadelt. Vor Stapeln und Stapeln und Stapeln seines Lebenswerkes und der vierbändigen Autobiographie.
Es würde gerade nicht jeder seiner – wenigen, aber mit scharf gespitzen Bleistiften verfassten –Briefe an sonstwen irgendwie kulturgeschichtlich relevant sein, plötzlich. Schon gar nicht würden oder könnten gelbgesichtige Münsteraner Mitachundkrachdoktoranden sich und ihre Geheimratsecken über eine vergleichende Analyse von spätem Lichtenbergschem Prosawerk und frühesten, bislang der Forschung unzugänglichen Jugendgedichten promovieren. Frieder schrieb nichts weiter, schon gar keine Gedichte. Half niemandem.
Frühling lässt sein blaues Blaaaaaa… --- WER JETZT ALLEIN IST wird es lange blaaaaaa. Frieder hatte nie ein Gedicht geschrieben.
Ich habe dir ein Loch verkauft
Ein breites Nichts da zwischen Knochen
den Haufen abgescheuerte Rumpelschädel
das Blutgekröse (ich sagte – Herz)
Du bist ein guter Kunde.
Es war: du bist da einzig weise
Ein Wüstwarr falscher Zeit
Die einzig kochendleere Stunde.
Dienstag, 13. Oktober 2009
gründe, sünde, gründe.
an dieser puristisch feinen, kleinen stelle gibt's ab und an bröckchen aus 'herzerbrecher' zu lesen, das seit sommer 2009 aus 'herzerbrechen' (2005) und einem metaphernschwangeren fragmentefriedhof (2006-2009) zusammengeschrieben und erweitert wird, with the endziel of it getting published by fischer verlag (not s.fischer, sadly...) in 2011 in the means of their 2005-'herzerbrechen'-angebot.
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