Die Nacht drückt einen schwer in fremde Kissen.
Coco betrat am nächsten Morgen den Laden des Zürcher Optikers Carl Meranger. Dafür bestanden gute Gründe. Saraswati, erkannte er in einem halben Gedanken daran den goldbronzenen Gottesleib, der da dekorativ im edlen Halbdunkel der hinteren Geschäftsräume herumstand. Die Hüterin der Sprache, die es Coco noch verschlagen hatte.
Meranger, der sich allmorgendlich in den Rasierspiegel sprach, einen Namen unter Züris besten Brillenmachern zu besitzen, hatte gegrüßt, in kühler Bereitschaft zur Dienstleistung. Schnauzbartrunzelnd besah er sich das katzenhafte Misstrauen, mit dem sich die neue Kundschaft auf seinen heiligen Quadratmetern hin- und herbewegte. Neumodisch halbverhungertes Kerlchen in guter Garderobe – aus guter Familie; Meranger taxierte klug, mit geübtem Blick.
Coco empfand sich selbst seltsam ballastlos und unkörperlich inmitten von mahagonifarbenem Dämmer, poliertem Metall und dem allseitigen mattem Wiederspiegel der Glasflächen. Die Auslagen – neueste eyewear aller Label – schienen düsterglänzend aufmerksam wie die Edelsteinaugen toter Pharaonen. Sie waren von einer toten Wachsamkeit, überlegte Coco.
Saraswati…Hindugöttin auf dem reinen Schwan, Mutter des Gedankenstroms…und ihre Pharaonensöhne…verdorrte Augäpfel, die halbgöttlichen Netzhäute destilliert zu…
„…Sie wissen bereits, was sie suchen?“ Meranger setzte den vagen Blicken ein Ende, sanftmütig, wie es seine Art war. – „Diese. Oben da.“ Es bestand kein Beratungsbedarf. Diese, oben da – Chanel, dunkles Glas, fünfhundertachtundzwanzig Franken, das kalt verschlungene Doppel-C an den Scharnieren, überbreite Bügel in feinstem schwarzen Lack. Nach ihr gab es keine Fragen zu stellen. Meranger hatte sie noch am Morgen der Anlieferung die „Königin der Nacht“ getauft. Sein ab und an operettenhaftes Berufspathos leitete er selbst gewöhnlich aus einem problematischen österreichischen Erbteil ab, das ihm mütterlicherseits zugekommen war.
Unter den ureidgenössischen Zürcher Optikern mit ihren Mineralwassergesichtern machte ihn dieses barock-„kakanische“ Erbe bisweilen zum Exoten. Allein der Standort seines Geschäfts am Zürcher Mythenquai mutete seine Zunftgenossen bisweilen gar zu apart und überspannt-spielerisch an. Mythenquai – das klang nach Anbetung von Heidengöttern, nicht Anpassung von Kassengestellen. Meranger hatte nur bedingt etwas gegen derlei Vorbehalte; und dem Umgang mit Kassengestellen hätte er sich ohnehin kategorisch verweigert.
„Sie sind sicher?“ – Aber Coco wünschte nur Saraswati zur Zeugin seines Kaufes. Er nickte nur, knapp. Es war nicht seine Art – wie er mit trotziger Grandezza ein üppiges Bündel Frankenscheine aus der Jeanstasche rupfte. Nur hatte er die Nerven nicht, zu überlegen, was denn „seine Art“ gewesen wäre. Gab es Arten, diese Sonnenbrille zu kaufen? Meranger zählte Banknoten ab, ein leichtes Kräuseln unter den Brauen. Coco tauschte Blicke mit Saraswati; jeder ihrer vier Arme, schien es ihm, hielt eine eigene bronzene Verzweiflung. Je eine seiner eigenen schillernden Verzweiflungen.
Wenn er die Augen schloss, während Meranger Scheine zählte, zogen zwei düstere Dioskuren auf Streitwagen ihre Runden durch das nächtliche All hinter seinen Netzhäuten. Zwei Brüdergeliebte, Castor und Pollux. Das geschah so seit Jahren, er hatte es nie ganz verstanden; Castor und Pollux schienen ihm implantierte Spukgespenster zu sein. Verirrte aus dem Schattenreich eines fremden Hirns. Es war so, als sähe man einen Trailer zum Alptraum oder Tagtraum eines anderen.
Er wanderte den Quai hinab. Meranger blieb zurück zwischen seinen Brillen, reicher und ärmer, ein alternder Pan. Mythenquai, und die dicken Schwäne, die nah ans Ufer schwimmen. Das Ufer ist sorgfältig in Beton gegossen und flankiert von drahtigen Betonsitzbänken, und man vergisst fast ganz, dass das die Nazis nicht gebaut haben können.
Coco setzte sich, der Beton so sauber, und nahm die Brille aus ihrem Etui. Sie saß auf seiner Nase als ein Schatten, und die dicken Schwäne, die auf Sonntagsbrot warteten, schienen weit entfernt und ihr Gefieder jetzt in grauem Flor. Es ist ein Montagmorgen und eine Stille. Die Schwäne rauschten, zogen bedeutsame Schlieren im klaren Seewasser, Coco war entfernt von ihnen.
Nicht weit von ihnen am Quai lag die Landiwiese, die im Herbst zu einem unwirtlichen Schwemmland wurde; zwischen flachen Regentümpeln und fadem Gebüsch schlichen dann Gnome mit Rechentafeln und Füchse mit müden Augen umher. Ab Mitte November verließen die Menschen die Landiwiese, ihr Gras war dann nass und schwer und braun, und dann ging das Schleichen los, Gnome, Füchse und zierliche Geburtshelferkröten, die gemeinsam das Singen wie Sirenen übten. Der Himmel hing dann tief und schwer über dem Schwemmland.
Wenn Juli war, und das war es ja, war dagegen alles offen, grün, warm und saftig auf der Landi, es ließ sich arglos grillen, es gab Skateboarder und Pantomimen, Bier mit farbiger Brause drin, das am Gaumen klebt und Leben meint. Coco bedauerte, dass es nicht hätte November sein können. Er traute sich nicht, zum Schwemmland rüber zuschauen, denn es war gar keins.
Er hatte einen Umweg auf dem Weg zurück zur Jugendherberge. Irgendwo, dämmernd in der Tram, hatte er vergessen, dass er einen Grund gebraucht hatte, aber dann stand er schon in Kilchberg bei Zürich, wo die Weinberge vornehm schauten und das Weideland trocken in der späten Sonne lag. Weideland Faserland, brüchiger alter Boden. Er drückte das Tor zum Kilchberger Friedhof auf und vermisste im selben Moment jenes marode Seufzen, das an sich doch Friedhofstore beim Aufdrücken von sich gaben.
Er hatte zuerst Canetti und James Joyce gefunden, die er nicht hatte suchen wollen; er sammelte Klatschmohn für die toten Schreiber, bevor er seiner Wege ging. Es schien gar nicht staubig zu sein zwischen dem Kies. Reinlicher Schweizerkies auf einem Friedhofspfad, und Coco trägt die Brille, den Schatten um die Nase immer noch, obwohl die Schatten tiefer werden. Der Kiesweg führt in die Schatten, die doch von ganz ordentlich angelegten Schweizergrabsteinen stammen, und Coco denkt daran, dass die Ruhefrist für die Jahrgänge 1983/1984 abgelaufen ist für Erdbestattungen in Feld 25 oder 26, das hatte auf der Internetseite der Kilchberger Gemeinde ganz oben gestanden. Coco hatte es ohne besonderen Grund oder ein Interesse gelesen, es fiel ihm ein, und nun gab es also die „Abräumung von Gräbern“ auf Feld 25, oder eben 26, in diesem Sommer. Es kam ihm merkwürdig vor, fürchterlich kurz irgendwie, diese fünfundzwanzig Totenruhejahre. Die Achtziger waren grad lang genug her für ihr eigenes Revival, und nun gab es schon auf Feld 25 in Kilchberg bald keine Achtzigerjahregräber mehr. Oder eben auf Feld 26.
Der entstaubte weiße Kies knirschte, wie Kies zu knirschen hat, und Coco dachte an den Gelben Ziegelsteinweg in Alice im Wunderland --- nein: im Zauberer von Oz.
Rechts am Wegrand saß ein dickes Kaninchen zwischen den Grableuchten. Coco wusste, dass es milchweiß war, auch wenn es die Chanel-Gläser tönten. Es sprach unablässig leise vor sich hin, was Coco nicht übermäßig verwunderlich schien. Allerdings wiederholte das Kaninchen statt einem nervösen ICH HABE KEINE ZEIT!, mit dem zu rechnen gewesen wäre, ein träges Mantra, die Worte kauend gereiht: Ich seh viel mehr / Mach ich die Augen zu. Coco stand still. Als er schließlich über den scheuernden Kies einen Schritt nach rechts machte, drückte sich das plumpe Tierchen noch tiefer ins Dunkel, hinter den Rotschein der Grablichter.
Coco machte noch einen Schritt, da lief es fauchend blau an und war verschwunden und nie dagewesen.
Links und rechts vom Weg kreuzten sich jetzt Fichtenzweige, anmutig rustikal in der Dämmerung, und einiges später würde Coco aufgehen, dass die Bäume auf dem Kilchberger Friedhof längst nicht so waldesdicht standen, wie er es zu erinnern glaubte.
Noch später würde er plötzlich die innere Sicherheit verlieren, tatsächlich Mohn gepflückt und Joyce und Canetti gefunden zu haben; er würde einen tauben Punkt unter der Schädeldecke spüren, während www.findagrave.com ihm anzeigen würde, dass beide nebeneinander auf dem Friedhof Fluntern in Zürich bestattet seien.
Am Grab der Manns in Kilchberg, wo er an die Worte von Süchten, Selbstmorden, Leidenschaften dachte, die diese Familie stoisch verbissen über ihre vielen Jahrzehnte geformt und aufgeschrieben hatte, begriff er, warum er kein Wort zu Sera wusste. Cocos Blick dümpelte an dem schmucklosen Granitquader, der die Grabstelle markierte und für alle Zeit die Namen der Manns sprach, in einem stummen Mantra, dem blauen Kaninchen nicht unähnlich. Für die Manns galt auch keine „Ruhefrist“, die in „Abräumung des Grabes“ endete. Sie waren also, dachte sich Coco: nicht unsterblich geworden, sondern ewigsterblich. Dem bisschen Molekülepulver, das nach 54 Jahren unter Erde, Moos und Granit höchstens noch übrigsein konnte von Thomas Mann, kam für immer eine besondere Aufmerksamkeit zu.
Coco dachte an die Wörterwelten der Manns und schaute auf die filzige Erde rundum den Grabpfeiler und wusste nur ein Wort, das keine Wortsgeschwister mehr besaß, ein Waisenwort: Sera, Serafina. SeraFINA. Sera. SERAfina.
Sera war von seinen Worten verlassen worden. Ihr Bild stand einsam in seinem Kopf – sie trug so eine Art viktorianisches Nachthemd, das war seine lächerliche, aber spontane Phantasie – und Kilchberg um ihn herum zerstob wie zuvor das fette Kaninchen; wenn er die Augen schloss, sah er Sera, leuchtend milchfarben im Gesicht. Die Dioskuren, diese fremden Geister, rückten für diesen Moment hinter seine Augen zurück, wurden ganz unmerklich. Aber sie blieben.
Das Öffnen der Augen kam Coco vor wie ein kläglich simpler, aber letztlich gelingender Befreiungsschlag. Die Rebellion der Lider und Wimpern, ein Bildersturm! Er blickte geradeaus, starr auf den Granit, auf die Gravur, und wollte das Ganzwirkliche sehen – nicht und nichts mehr als das, Stein und Namen.
Und dann hielt Saraswati ihre zwei Paar Arme bronzeglänzend übers bürgerliche Grab des Dr. Thomas Mann. Coco schüttelte sich, bis ihm schlecht wurde, und rannte den Hügel hinab, Haken schlagend, bis ans Ufer des Zürichsees. Er schüttelte sich noch immer, keuchend um Atemluft, und sträubte sich in seiner Haut, spreizte sich wie von innen gegen die eigene Epidermis. Er schüttelte sich, bis er vor Übelkeit keine Worte mehr wissen wollte, und schaute auf den gleichmütigen dunklen See.
Kennst du das, hatte Sera ihn damals gefragt, im Winter? Wenn du morgens aus dem Fenster siehst, und alles ist bis in seine Spitzen ausgefroren und mit verhuschtem Raureif voll, und du kannst durch den weißen Nebel nicht auf die andere Straßenseite schauen? Und dann spürst du, dass du innen auch ganz kalt geworden bist, du tastest ängstlich nach innen,und alles ist klamm und im Frost zusammengezogen? Und die Haut bleibt kühl unter einer heißen Dusche?
Da war es schon passiert gewesen. Er hatte aber nicht nicht mit ihr reden können.
Nein, hatte Coco gesagt, ich kenne das nicht. Wir haben hier ja Zentralheizung.
Serafina. Natürlich war sie zugedröhnt gewesen. Stoned in Salem. Klang nach schlechtem Spiegel Online, entsprach allerdings der Wirklichkeit.
Sera. Das Wort füllte sich mit Zeit, bis obenhin, bis randvoll, bis es überlief. Es füllte sich mit Zeit und mit dem Staub, der zwischen dem Kies auf dem Kilchberger Friedhof fehlte.
Später erinnerte er sich kaum noch daran, wie er zurück in die Stadt gekommen war. Es war beinahe Nacht gewesen.
Im Foyer der Zürcher Jugendherberge standen die Kunstledersessel dröge dämmernd auf ihren Rohrgestellen herum; es gab eine Bar und daran ein paar Friedhofsraben; ältere, männliche Herbergsgäste vor ihren Whiskeygläsern, mit den salzigen Fingern in den Erdnüssen. Statisten fürs Festival der lebenden Bilder? Ich würde nämlich sagen – Edward Hopper: Nighthawks. Grobe Umrisse, Farbspuren des berühmten Gemäldes streunten in Cocos Kopf, als er den Aufzug nahm. Ein Einzelzimmer hatte er nicht mehr bekommen, der Juli war Hochsaison. Ihm war herzlich unwohl bei dem Gedanken an ein fad gedünstetes Miteinander mit drei fremden Zimmergenossen.
Das Zimmer war leer, eine Kiefernholzeinöde.
Er duschte sehr hastig, was an sich keinen Sinn machte; dann trug er gestaltlos feuchte Tapsen übers graue Linoleum, durch den Flur zurück ins Zimmer. Der Spiegel über dem Waschbecken, ein rechteckiges ränderloses Stück graustichiges Glas, – ein NichtmalmehrIKEAspiegel – gab einfallslos wieder: das Schlüsselbein, die Hüftknochen; Rippen, die seitlich scharf gezeichnet aus dem Fleisch tauchen, wenn er die Bauchdecke einzog. Fahrig glitten seine Finger über Hüften und Bauch; eine Suche nach Ablagerungen, nach dem verräterisch Weichen.
Die kühlen Linien der Wangenknochen; in einem Hesse-Roman hätte er überzeugend einen adlig geborenen Kindermönch abgegeben. Einen Novizen. Er dachte ans Kotzen und reimte um: Narziß und Goldschlund.
Mittwoch, 18. November 2009
Dienstag, 13. Oktober 2009
1 & 2, first drafts.
1
In einem Jahr, das bereits keine Rolle mehr spielt, erwarb ein Junge eine Sonnenbrille großen Formats, die gefährlich war und von Chanel. Wir haben diesen Jungen folglich Coco genannt.
Zürich sollte ihm das Herz schälen wie eine fleischerne Zwiebel. Das war die Idee; man musste sehen, was übrigblieb nach einer Häutung.
Zürich war kein unbeschriebenes Blatt, es war üppig bemalt mit allen Wasserfarben aus einem folkloristischen Tuschkasten: derbes, festes Blau, sachliches Anthrazit, gemächlich-dezenter Ocker. Erinnerungen daran waren mühelos; er hatte das zuletzt noch im ICE ab Altona feststellen können, während er – gleichsam mühelos – das überzählige Butterhörnchen eines späten Frühstücks erbrach. Eine frische Bleiche stahl sich ihm unter die Augen, als er, wie er es immer tat, danach sein träges Spiegelbild studierte. Der ICE passierte Fulda.
Er fuhr, pünktlich, 21.07 im Zürcher HB ein – eine monumentale, granitene Riesenkröte von einem Bahnhof, die einen Jungen von schwermütiger Zierlichkeit Minuten später bereits wieder ausspie. Coco suchte sicheren Tritt auf dem Zürcher Pflaster und sah noch einmal zurück: Bahnhof und Coco, Coco und Bahnhof, sie tauschen letzte, feindselige Blicke. Dann blieben sie beide in ihren vergeblichen Empörungen allein zurück. Coco zerrte seinen Rollkoffer in die hinterste Zimmerecke, er hatte die Jugendherberge natürlich nicht suchen müssen, und machte sich, voll gekonnt auf die Bühne gebrachter Rastlosigkeit, auf ins Niederdorf.
Coco versucht sich als Schlenderer – er mimt einen Schlendernden; berauscht von der eigenen kühlen Nüchternheit im sphärischen Meer der Freitagabendfreuer; im Niederdorf der bunten Lichter, wo sich lebhaft Bar an Bar reiht.
Er hatte eine recht seltene Vollkommenheit erreicht in der Kunst des Nichtbeteiligtseins: Muntere, hübsche Lederjackenjungmänner und ihre lieblich geschwätzigen Mädchen-in-gepunkteten-Ballerinas; ihre leichtlebig bunten Cocktails und ihre Caprese-Salate. Sie konnten ihm keine Beachtung schenken, er hätte auch nichts geschenkt gewollt, es war ein erlesener kleiner Schmerz und ein trotziger. Es war niemandes Schuld, vielleicht sogar gewollt, ein bisschen: Der mondäne kleine Coco und all diese mondänen jungen Zürcher, sie waren wie parallele Geraden in der Mathematik – beinahe gleichartig und doch auf ewig berührungsfrei. Ewig und drei Tage. Das war sicherlich das Einzige gewesen, das Coco im breiig dumpfen Dämmer von 13 Jahren Schulmathe je gerührt, sogar bestürzt hatte: Das Bild zweier rechtschaffener, ganz sehnsuchtsschwacher Geraden, die in ewig exakten Abständen zueinander für alle Zeit ein sternzeitschwarzes Algebra-All durchziehen müssen. Geraden sind unendlich. Parallele Geraden berühren sich nie. Zwei schlichte Merksätze des Studienrats E., die Coco wie finstere Urteile in letzter Instanz vorgekommen waren, ganz angefüllt mit einer rätselhaft tieftragischen Dimension. Schon zu Schulzeiten hatte es nicht viel gebraucht, täglich eine neue Untergangsstimmung zu basteln.
Ganz Zürich und das Niederdorf waren voll ausgezeichneter Cafés, preisgekrönter, hochgelobter Cafés mit lauter unverwechselbaren Namen, Spezialitäten, Sitzmöbeln; der Pappbecher in Cocos Rechter trug Logo und Schriftzug von Starbucks. Der sachte Dampf, der fahl diesem Becher entstieg und sich einvernehmlich mit Septembernacht mischte, stammte von einem gänzlich austauschbaren, massenhaft hergestellten, industriell entwickelten Heißgetränk.
Das tat ihm seltsam gut.
Es kam darauf an, hatte Franz Werfel gemeint, das innere Kaffeehaus zu finden. Coco nickte schmucklos.
2
Feitagabends gegen 21.15 – es ist besagter, selbiger Freitag – ortet Frieder Lichtenberg in Konstanz-Petershausen, nicht unweit der Schweizer Grenze, gänzlich unerwartet eine der letzten wahren Empfindungen Europas.
Besagte Empfindung ließe sich als „berechtigter Zweifel" etikettieren, überlegte sich Frieder, während Benedicts Po – klare, scharf gezogene Konturen – in sehr lässigen Replay-Jeans verschwand; ein altbekannter Budenzauber. Frieders geradezu freizeitfaschistische Disziplin in Sachen Sex hatte es einstweilen dazu gebracht, beinahe schon „berüchtigt" zu sein. Berüchtigt! Kein allzu großes Kunststück im spießigsten Südbaden. Konstanz, eine stadtgewordene pastellfarbene Blümchentapete. Rentner Bordsteinkante Seepromenade Rentner Kännchen Kaffee Rentner Rentner Kneippkur. Rentner. Und dreieinhalb Verwaltungsstudenten. Deshalb war hier „berüchtigt" sein noch drin, noch machbar überhaupt für Leute, die auch noch was anderes zu tun hatten. Lag ihm irgendwas an „berüchtigt"? Es war keine Leistung. Das bisschen schon schaler Wodka, der da noch um zwei schwindsüchtige Zitronenscheiben im Whiskeyglas auf dem Linoleum-Parkett schwappte, wäre der Genickschuss für die aufgeräumte Kühle, mit der Frieder Benedict zu verabschieden gedenkt: Er stößt das Glas mit einer Zehe um; nach kurzer Bahn (quecksilberartig) säuft der IKEA-Webteppich diese letzten Reste Freitagabendexzess. Nordischer Trunkenbold. Es herrscht hier eine gewisse Mäßigung, formen Frieders Lippen halbstumm, überzeugt. Was? fragt Benedict fahrig. Nichts, versetzt Frieder.
Zu einer Zeit, als es in Frieders Kopf noch keine Worte gab für Dinge wie diesen Freitagabend, da steckte das Verstehenlernen in den kleinsten Gesten. Er schlief, sehr jung, mit einem schon auch noch jungen Kinderarzt, der ihm am nächsten Morgen ein großerbrüderliches Lächeln und eine Schale Schokopops ans Bett brachte. Das fand Frieder menschlich; es nahm ihm eine Angst (von einigen dutzend, netto) und währte als Erinnerung weit länger als der dazugehörige Sex.
Als Benedict gegangen ist, widmet sich Frieder seinem „berechtigten Zweifel", den er sorgsam vor Benedict verborgen hatte, weggeschlossen in ein bestimmtes innerseelisches Archiv für außergewöhnliche Vorgänge; das ging Benedict nichts an. Vielleicht war ein Reizimpuls ausgegangen von ihm und seiner Replayhosenhinternherrlichkeit; aber überschätzen würde Frieder das sicherlich nicht. Als er nun den „berechtigten Zweifel", jene kostbare wahre Empfindung, aus dem Archiv an die Oberfläche, Richtung Stammhirn, bewegen wollte, da war er nicht mehr da.
Innere Abschürfungen, skandiert Frieder stumm, Innere Abschürfungen. Woher kommt das Wort? Ihm ist nach weltschmerzlerischer 80er-Jahre-Post-Punk-Musik, nach weinerlichen Synthie-und-Echo-Effekten, und Gottseidank gab es auf Erden ja Sofia Coppola, die für die Soundtracks ihrer Filme geschmackvolle Vorauswahlen trifft. Andernfalls müsste man sich allen Ernstes durch stapelweise Studioalben von Bands quälen, die 2009 noch nicht mal mehr von Revival-Coverbands in Einkaufscentern im Wachkoma vagen Erinnertwerdens gehalten wurden. Für ein einziges spontanes Stimmungsbild. Frieder – Innere Abschürfungen, Innere Abschürfungen – legt den Soundtrack zu Marie Antoinette ein, legt sich behutsam aufs Bett. Wie Silbergeschirr aufs Samttableau. Ein Wellengang sachter elektronischer Impulse vernebelt sein Zimmer, Ceremony, New Order. Als er aufwacht, durchsticht ein übermütiges Morgensonnenlicht das träge zerfasernde Fruchtfleisch zweier einsamer Zitronenscheiben auf dem Fußboden.
Morgens? Silberschwund, Silbenschwund. Mit einem trägen Wischer schluckt ein feuchtes Küchenkrepp das eingetrocknete Perlmutt von Frieders linkem Oberschenkel (ein trauriger Rest Benedict…ein organisches Andenken…); Frieders stolprige Gedanken betreiben Namenskannibalismus: Aus Benedict wird B. im Tagebuch, -- wäre dann ein dritter B., was nichts macht, kann man rein vom Zeitkontext her auseinanderhalten. Kann ich zumindest. Wenn dann halt meine Tagebücher mal posthum veröffentlicht, -- und so, muss man da halt Editoren für anstellen, die recherchieren und schreiben dann in die Fußnoten, mit wem ich wo und warum im März ’09 dasunddas…Frieders pseudofrivole Sexgeschichten, employing germanists in 2044. Thank you very much. Er mag nichts frühstücken. Es gibt keinen echten Morgen in ihm, bloß die grelle, stille Aftershow zur letzten Nacht.
Das hatte er natürlich bloß kokett gemeint. Mit den Editoren und den Tagebüchern. Salbige Dorian-Gray-Gefühle aus dem Provinzstudentenleben in zweifelhafte Selbstbesinnungsliteratur zu verwandeln, es wäre Frieder nur peinlich gewesen; von dem gelegentlichen Drang dazu hatte er sich das eine oder andere Mal, an metertiefen Sonntagnachmittagen, vielleicht nicht ganz im Handumdrehen frei machen können. Das hieß aber wenig. Und so würde eben gerade nicht eines Tages die historisch-kritische Ausgabe von Frieder Lichtenbergs Werken erscheinen und er eben nicht posthum mit der übergeistesväterlichen Würde riesiger Pappaufsteller mit seinem ernsten, alternden Foto-Konterfei in schwarzweiß oder sepia auf der Frankfurter Buchmesse geadelt. Vor Stapeln und Stapeln und Stapeln seines Lebenswerkes und der vierbändigen Autobiographie.
Es würde gerade nicht jeder seiner – wenigen, aber mit scharf gespitzen Bleistiften verfassten –Briefe an sonstwen irgendwie kulturgeschichtlich relevant sein, plötzlich. Schon gar nicht würden oder könnten gelbgesichtige Münsteraner Mitachundkrachdoktoranden sich und ihre Geheimratsecken über eine vergleichende Analyse von spätem Lichtenbergschem Prosawerk und frühesten, bislang der Forschung unzugänglichen Jugendgedichten promovieren. Frieder schrieb nichts weiter, schon gar keine Gedichte. Half niemandem.
Frühling lässt sein blaues Blaaaaaa… --- WER JETZT ALLEIN IST wird es lange blaaaaaa. Frieder hatte nie ein Gedicht geschrieben.
Ich habe dir ein Loch verkauft
Ein breites Nichts da zwischen Knochen
den Haufen abgescheuerte Rumpelschädel
das Blutgekröse (ich sagte – Herz)
Du bist ein guter Kunde.
Es war: du bist da einzig weise
Ein Wüstwarr falscher Zeit
Die einzig kochendleere Stunde.
In einem Jahr, das bereits keine Rolle mehr spielt, erwarb ein Junge eine Sonnenbrille großen Formats, die gefährlich war und von Chanel. Wir haben diesen Jungen folglich Coco genannt.
Zürich sollte ihm das Herz schälen wie eine fleischerne Zwiebel. Das war die Idee; man musste sehen, was übrigblieb nach einer Häutung.
Zürich war kein unbeschriebenes Blatt, es war üppig bemalt mit allen Wasserfarben aus einem folkloristischen Tuschkasten: derbes, festes Blau, sachliches Anthrazit, gemächlich-dezenter Ocker. Erinnerungen daran waren mühelos; er hatte das zuletzt noch im ICE ab Altona feststellen können, während er – gleichsam mühelos – das überzählige Butterhörnchen eines späten Frühstücks erbrach. Eine frische Bleiche stahl sich ihm unter die Augen, als er, wie er es immer tat, danach sein träges Spiegelbild studierte. Der ICE passierte Fulda.
Er fuhr, pünktlich, 21.07 im Zürcher HB ein – eine monumentale, granitene Riesenkröte von einem Bahnhof, die einen Jungen von schwermütiger Zierlichkeit Minuten später bereits wieder ausspie. Coco suchte sicheren Tritt auf dem Zürcher Pflaster und sah noch einmal zurück: Bahnhof und Coco, Coco und Bahnhof, sie tauschen letzte, feindselige Blicke. Dann blieben sie beide in ihren vergeblichen Empörungen allein zurück. Coco zerrte seinen Rollkoffer in die hinterste Zimmerecke, er hatte die Jugendherberge natürlich nicht suchen müssen, und machte sich, voll gekonnt auf die Bühne gebrachter Rastlosigkeit, auf ins Niederdorf.
Coco versucht sich als Schlenderer – er mimt einen Schlendernden; berauscht von der eigenen kühlen Nüchternheit im sphärischen Meer der Freitagabendfreuer; im Niederdorf der bunten Lichter, wo sich lebhaft Bar an Bar reiht.
Er hatte eine recht seltene Vollkommenheit erreicht in der Kunst des Nichtbeteiligtseins: Muntere, hübsche Lederjackenjungmänner und ihre lieblich geschwätzigen Mädchen-in-gepunkteten-Ballerinas; ihre leichtlebig bunten Cocktails und ihre Caprese-Salate. Sie konnten ihm keine Beachtung schenken, er hätte auch nichts geschenkt gewollt, es war ein erlesener kleiner Schmerz und ein trotziger. Es war niemandes Schuld, vielleicht sogar gewollt, ein bisschen: Der mondäne kleine Coco und all diese mondänen jungen Zürcher, sie waren wie parallele Geraden in der Mathematik – beinahe gleichartig und doch auf ewig berührungsfrei. Ewig und drei Tage. Das war sicherlich das Einzige gewesen, das Coco im breiig dumpfen Dämmer von 13 Jahren Schulmathe je gerührt, sogar bestürzt hatte: Das Bild zweier rechtschaffener, ganz sehnsuchtsschwacher Geraden, die in ewig exakten Abständen zueinander für alle Zeit ein sternzeitschwarzes Algebra-All durchziehen müssen. Geraden sind unendlich. Parallele Geraden berühren sich nie. Zwei schlichte Merksätze des Studienrats E., die Coco wie finstere Urteile in letzter Instanz vorgekommen waren, ganz angefüllt mit einer rätselhaft tieftragischen Dimension. Schon zu Schulzeiten hatte es nicht viel gebraucht, täglich eine neue Untergangsstimmung zu basteln.
Ganz Zürich und das Niederdorf waren voll ausgezeichneter Cafés, preisgekrönter, hochgelobter Cafés mit lauter unverwechselbaren Namen, Spezialitäten, Sitzmöbeln; der Pappbecher in Cocos Rechter trug Logo und Schriftzug von Starbucks. Der sachte Dampf, der fahl diesem Becher entstieg und sich einvernehmlich mit Septembernacht mischte, stammte von einem gänzlich austauschbaren, massenhaft hergestellten, industriell entwickelten Heißgetränk.
Das tat ihm seltsam gut.
Es kam darauf an, hatte Franz Werfel gemeint, das innere Kaffeehaus zu finden. Coco nickte schmucklos.
2
Feitagabends gegen 21.15 – es ist besagter, selbiger Freitag – ortet Frieder Lichtenberg in Konstanz-Petershausen, nicht unweit der Schweizer Grenze, gänzlich unerwartet eine der letzten wahren Empfindungen Europas.
Besagte Empfindung ließe sich als „berechtigter Zweifel" etikettieren, überlegte sich Frieder, während Benedicts Po – klare, scharf gezogene Konturen – in sehr lässigen Replay-Jeans verschwand; ein altbekannter Budenzauber. Frieders geradezu freizeitfaschistische Disziplin in Sachen Sex hatte es einstweilen dazu gebracht, beinahe schon „berüchtigt" zu sein. Berüchtigt! Kein allzu großes Kunststück im spießigsten Südbaden. Konstanz, eine stadtgewordene pastellfarbene Blümchentapete. Rentner Bordsteinkante Seepromenade Rentner Kännchen Kaffee Rentner Rentner Kneippkur. Rentner. Und dreieinhalb Verwaltungsstudenten. Deshalb war hier „berüchtigt" sein noch drin, noch machbar überhaupt für Leute, die auch noch was anderes zu tun hatten. Lag ihm irgendwas an „berüchtigt"? Es war keine Leistung. Das bisschen schon schaler Wodka, der da noch um zwei schwindsüchtige Zitronenscheiben im Whiskeyglas auf dem Linoleum-Parkett schwappte, wäre der Genickschuss für die aufgeräumte Kühle, mit der Frieder Benedict zu verabschieden gedenkt: Er stößt das Glas mit einer Zehe um; nach kurzer Bahn (quecksilberartig) säuft der IKEA-Webteppich diese letzten Reste Freitagabendexzess. Nordischer Trunkenbold. Es herrscht hier eine gewisse Mäßigung, formen Frieders Lippen halbstumm, überzeugt. Was? fragt Benedict fahrig. Nichts, versetzt Frieder.
Zu einer Zeit, als es in Frieders Kopf noch keine Worte gab für Dinge wie diesen Freitagabend, da steckte das Verstehenlernen in den kleinsten Gesten. Er schlief, sehr jung, mit einem schon auch noch jungen Kinderarzt, der ihm am nächsten Morgen ein großerbrüderliches Lächeln und eine Schale Schokopops ans Bett brachte. Das fand Frieder menschlich; es nahm ihm eine Angst (von einigen dutzend, netto) und währte als Erinnerung weit länger als der dazugehörige Sex.
Als Benedict gegangen ist, widmet sich Frieder seinem „berechtigten Zweifel", den er sorgsam vor Benedict verborgen hatte, weggeschlossen in ein bestimmtes innerseelisches Archiv für außergewöhnliche Vorgänge; das ging Benedict nichts an. Vielleicht war ein Reizimpuls ausgegangen von ihm und seiner Replayhosenhinternherrlichkeit; aber überschätzen würde Frieder das sicherlich nicht. Als er nun den „berechtigten Zweifel", jene kostbare wahre Empfindung, aus dem Archiv an die Oberfläche, Richtung Stammhirn, bewegen wollte, da war er nicht mehr da.
Innere Abschürfungen, skandiert Frieder stumm, Innere Abschürfungen. Woher kommt das Wort? Ihm ist nach weltschmerzlerischer 80er-Jahre-Post-Punk-Musik, nach weinerlichen Synthie-und-Echo-Effekten, und Gottseidank gab es auf Erden ja Sofia Coppola, die für die Soundtracks ihrer Filme geschmackvolle Vorauswahlen trifft. Andernfalls müsste man sich allen Ernstes durch stapelweise Studioalben von Bands quälen, die 2009 noch nicht mal mehr von Revival-Coverbands in Einkaufscentern im Wachkoma vagen Erinnertwerdens gehalten wurden. Für ein einziges spontanes Stimmungsbild. Frieder – Innere Abschürfungen, Innere Abschürfungen – legt den Soundtrack zu Marie Antoinette ein, legt sich behutsam aufs Bett. Wie Silbergeschirr aufs Samttableau. Ein Wellengang sachter elektronischer Impulse vernebelt sein Zimmer, Ceremony, New Order. Als er aufwacht, durchsticht ein übermütiges Morgensonnenlicht das träge zerfasernde Fruchtfleisch zweier einsamer Zitronenscheiben auf dem Fußboden.
Morgens? Silberschwund, Silbenschwund. Mit einem trägen Wischer schluckt ein feuchtes Küchenkrepp das eingetrocknete Perlmutt von Frieders linkem Oberschenkel (ein trauriger Rest Benedict…ein organisches Andenken…); Frieders stolprige Gedanken betreiben Namenskannibalismus: Aus Benedict wird B. im Tagebuch, -- wäre dann ein dritter B., was nichts macht, kann man rein vom Zeitkontext her auseinanderhalten. Kann ich zumindest. Wenn dann halt meine Tagebücher mal posthum veröffentlicht, -- und so, muss man da halt Editoren für anstellen, die recherchieren und schreiben dann in die Fußnoten, mit wem ich wo und warum im März ’09 dasunddas…Frieders pseudofrivole Sexgeschichten, employing germanists in 2044. Thank you very much. Er mag nichts frühstücken. Es gibt keinen echten Morgen in ihm, bloß die grelle, stille Aftershow zur letzten Nacht.
Das hatte er natürlich bloß kokett gemeint. Mit den Editoren und den Tagebüchern. Salbige Dorian-Gray-Gefühle aus dem Provinzstudentenleben in zweifelhafte Selbstbesinnungsliteratur zu verwandeln, es wäre Frieder nur peinlich gewesen; von dem gelegentlichen Drang dazu hatte er sich das eine oder andere Mal, an metertiefen Sonntagnachmittagen, vielleicht nicht ganz im Handumdrehen frei machen können. Das hieß aber wenig. Und so würde eben gerade nicht eines Tages die historisch-kritische Ausgabe von Frieder Lichtenbergs Werken erscheinen und er eben nicht posthum mit der übergeistesväterlichen Würde riesiger Pappaufsteller mit seinem ernsten, alternden Foto-Konterfei in schwarzweiß oder sepia auf der Frankfurter Buchmesse geadelt. Vor Stapeln und Stapeln und Stapeln seines Lebenswerkes und der vierbändigen Autobiographie.
Es würde gerade nicht jeder seiner – wenigen, aber mit scharf gespitzen Bleistiften verfassten –Briefe an sonstwen irgendwie kulturgeschichtlich relevant sein, plötzlich. Schon gar nicht würden oder könnten gelbgesichtige Münsteraner Mitachundkrachdoktoranden sich und ihre Geheimratsecken über eine vergleichende Analyse von spätem Lichtenbergschem Prosawerk und frühesten, bislang der Forschung unzugänglichen Jugendgedichten promovieren. Frieder schrieb nichts weiter, schon gar keine Gedichte. Half niemandem.
Frühling lässt sein blaues Blaaaaaa… --- WER JETZT ALLEIN IST wird es lange blaaaaaa. Frieder hatte nie ein Gedicht geschrieben.
Ich habe dir ein Loch verkauft
Ein breites Nichts da zwischen Knochen
den Haufen abgescheuerte Rumpelschädel
das Blutgekröse (ich sagte – Herz)
Du bist ein guter Kunde.
Es war: du bist da einzig weise
Ein Wüstwarr falscher Zeit
Die einzig kochendleere Stunde.
gründe, sünde, gründe.
an dieser puristisch feinen, kleinen stelle gibt's ab und an bröckchen aus 'herzerbrecher' zu lesen, das seit sommer 2009 aus 'herzerbrechen' (2005) und einem metaphernschwangeren fragmentefriedhof (2006-2009) zusammengeschrieben und erweitert wird, with the endziel of it getting published by fischer verlag (not s.fischer, sadly...) in 2011 in the means of their 2005-'herzerbrechen'-angebot.
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